SILVIA STOCCHETTO

Im Universum der Imagination (Venedig 2025)

Idolo VII, 2020

Im offen zutage tretenden Transformismus ihrer unendlichen Metamorphosen sucht die Künstlerin, frei von falschen Vorannahmen und trügerischen Doppeldeutigkeiten, beharrlich nach der Darstellung einer Identität. Mit einer ganz persönlichen Bildsprache entwickelt Silvia Stocchetto die sanften Metaphern eines visuellen, mythologischen und klassizistischen Universums.

Im offen zutage tretenden Transformismus ihrer unendlichen Metamorphosen sucht die Künstlerin, frei von falschen Vorannahmen und trügerischen Doppeldeutigkeiten, beharrlich nach der Darstellung einer Identität. Mit einer ganz persönlichen Bildsprache entwickelt Silvia Stocchetto die sanften Metaphern eines visuellen, mythologischen und klassizistischen Universums, das im Spannungsfeld von Wissenschaft, Natur und Biologie eine zugleich sichtbare und unsichtbare Welt offenbart.

Auf diesem Weg durchbricht die Künstlerin die vorgegebenen Kompositionsschemata sowohl auf ikonografischer als auch auf stilistischer Ebene. Anders als der traumhafte und visionäre Surrealismus Max Ernsts führen die Bilder ihrer Idole in die Szenerien eines „botanischen“ Klassizismus, der einer Parallelwelt der Kindheit zu entstammen scheint und fernes mit gegenwärtigem Leben verschränkt. In die Gemälde fließen selbstverständlich auch die unterschiedlichen Neigungen ein, die mit ihrer Ausbildung in den Biowissenschaften und ihrer Promotion in Biochemie und Biophysik verbunden sind. Die Künstlerin verknüpft diese Disziplinen in einer Art intellektuellem Polymorphismus, durch den sie auch ihr malerisches Werk verwandelt. Die Geheimnisse des Lebens und der Natur, von denen Silvia Stocchetto in ihrer Malerei erzählt, werden zu einer imaginären, phantasmagorischen Insel der Träume – einem Sinnbild jeder Einsamkeit, auf der der Mensch, von seiner Ankunft verwirrt, außerhalb der Szene zum Zeugen seines eigenen Schiffbruchs wird.

Die unbewussten wie die bewussten Fantasien ihrer malerischen Imagination fügen sich zu einer Geschichte in Bildern; die Künstlerin wird zur Erzählerin ihres eigenen inneren Universums. So gewinnt die Erzählung emphatische Kraft: Die Bilder treten auf der Leinwand in vollem Licht hervor, damit kein Halbschatten sie verbergen kann.

Stefano Cecchetto

Metamorphe Verflechtungen (Venedig 2025)

Idolo

Silvia Stocchetto ist eine Künstlerin, deren schöpferischer Weg sich aus einer innigen Verbindung von Wissenschaft und Kunst, analytischer Beobachtung und poetischer Vision speist. Ihre Ausbildung in den Biowissenschaften und ihre Promotion in Biochemie und Biophysik schärften ihren Blick für das feine Gefüge der unsichtbaren Welt: Zellstrukturen, Mitochondrien und organische Architekturen, die den Atem des Lebens selbst bilden. Dieser nie aufgegebene Ansatz verwandelt sich in eine künstlerische Sensibilität, die sich keineswegs auf die bloße Wiedergabe der Wirklichkeit beschränkt, sondern deren verborgene Dynamik offenlegt und in eine eigenständige, imaginative Dimension mit surrealen Zügen überführt.

Den chronologischen Auftakt dieser Einzelausstellung bildet Gru coronata (2016), ein Werk von besonderer Bedeutung in Stocchettos künstlerischer Entwicklung. Es bekräftigt eine visuelle Grammatik, die in den folgenden Jahren zum unverwechselbaren Merkmal ihrer Poetik werden sollte.

Das Werk entfaltet eine einnehmende farbliche Kraft: Ein warmer monochromer Ton durchzieht die Komposition und taucht sie in eine schwebende, surreale Atmosphäre, in der Natur und Imagination ein fragiles, feines Gleichgewicht eingehen.

Im Zentrum der Szene erhebt sich zwischen schwebenden Holzfragmenten die rätselhafte Gestalt des Kranichs. Sein wachsamer Blick und seine Eleganz machen ihn zum Mittelpunkt der visuellen Erzählung, während weitere Tiergestalten aus dem Bildgefüge hervortreten – stille Zeugen eines geheimnisvollen, fragmentierten Universums. Das gebrochene Holz mit seinen scharfen Splittern und instabilen Geometrien wird zum Sinnbild einer Existenz zwischen Aufbau und Auflösung, Dauer und Vergänglichkeit.

Evolution 2 (2018) bezeichnet einen Übergang: Noch ist die Natur frei von der einsamen Aura des Idols, das bald das Werk der Malerin prägen wird; hier erscheint sie in einer pulsierenden, vielstimmig angelegten Komposition. Die symbolische Dimension der Malerei verbindet sich mit einer fließenderen Erzählung, in der die Landschaft zum lebendigen Organismus in fortwährender Metamorphose wird.

Der Blick dringt in ein dichtes Labyrinth verflochtener Äste und Ranken ein, in einen visionären Wald, in dem nichts stillsteht. Gebrochene Linien und geschwungene Kurven lassen einen unablässigen Prozess von Wachstum und Entwicklung erahnen; die Vögel verschmelzen mit der Vegetation und werden Teil eines lebendigen, trotz seiner Unordnung harmonischen Ökosystems. Die Farbe ist für diese Dynamik entscheidend: Verbrannte Erdtöne und das Braun der Zweige treffen auf das leuchtende Grün der Vegetation und erzeugen eine visuelle Spannung, die an einen unterirdischen Lebensstrom, an ein verborgenes Pulsieren der Materie denken lässt.

In den folgenden Werken prägt sich diese Bildsprache weiter aus. Es entstehen zunehmend immersive Szenerien, bevölkert von archaischen Gestalten, die die Heiligkeit der Natur verkörpern. Stocchettos „Idole“ erscheinen als uralte Totems, rätselhafte Wesen, die die Landschaft in einen symbolischen Raum verwandeln, in dem sich das Wirkliche mit dem Widerhall alter Mythen verwebt.

In Idolo (2018) gelangt diese Entwicklung zu ihrer vollen Ausprägung. Das Werk markiert den Beginn der Poetik des Idols, das nun als hieratische Ikone in ein pflanzliches Labyrinth aus stilisierten, geschwungenen Linien eingebettet ist. Der Vogel mit seinem festen Blick und strengen Profil tritt aus einem dichten Netz von Ästen und Stängeln hervor, die in einem musikalischen Rhythmus zwischen Natur und Traum zu tanzen scheinen. Die hellere, lebendigere Farbigkeit steigert die abstrakte Spannung des Werks: Tiefes Ocker und intensives Grün verflechten sich zu einer visuellen Synthese, die die organische mit der symbolischen Welt verbindet. Obwohl das Idol in seinem tierischen Wesen verwurzelt bleibt, übersteigt es die Materie und wird zum Emblem, zu einer absoluten Gegenwart an einem zeitlosen Ort.

Mit Idolo X (2021) führt die Künstlerin ihre Bildsprache in ein neues Stadium und treibt ihre Forschung in Bereiche stärker surrealistischer Prägung. Die Tiergestalt nimmt zunehmend anthropomorphe Züge an und löst die Grenzen zwischen Mensch und Natur, Wirklichkeit und Vision auf. Die komplexe, vielschichtige Komposition wird um architektonische und musikalische Elemente erweitert, die mit den organischen Formen in Dialog treten und eine rätselhafte, magisch schwebende Umgebung entstehen lassen.

Die pflanzlichen Verflechtungen werden zu Strukturen; Körper verbinden sich mit Musikinstrumenten und Holzfragmenten und zeichnen ein unergründliches metaphysisches Rätsel.

Die zarte, raffinierte Farbpalette spielt mit Blau-, Ocker- und Erdtönen und hüllt die Szene in ein lebendiges, diffuses Licht. Das Idol ist nun keine starre, einsame Ikone mehr, sondern ein Geschöpf in unablässiger Metamorphose – ein Wesen, das sich jeder Einordnung entzieht und dazu einlädt, in ein Universum aus Traum und Geheimnis einzutauchen.

In diesem Dialog zwischen Wissenschaft und Kunst, Beobachtung und Vision lädt Silvia Stocchetto dazu ein, über die Oberfläche hinauszublicken und in ein Universum einzutauchen, in dem das Mikroskopische unermesslich wird und das Wirkliche sich in einen Traum verwandelt. Ihre Idole beobachten uns aus einer Parallelwelt: Zeugen einer Natur, die niemals nur das ist, was sie zu sein scheint, sondern das Geheimnis des Lebens selbst in sich birgt.

Marco Dolfin

Idole und Kartuschen (Venedig 2022)

Cartigli 2

Die Kartuschen sind, wörtlich genommen, anthropomorphe Figuren aus Papierbögen. Die Szenerie der „Cartigli“ ist nicht mehr organisch, sondern architektonisch: Es sind Innenräume, Zimmer, in denen Menschen aus „Papier“ agieren. Eine bemerkenswerte Idee, durch die Stocchettos „kostbare Ausführung“ ihre Malerei mit der großen fantastischen Literatur verbindet.

Die in dieser Ausstellung gezeigten Gemälde gehören zu zwei thematischen Serien: den „Idolen“ und den unmittelbar darauf entstandenen „Kartuschen“. In beiden Serien gibt es eine Gestalt, die jedem einzelnen Werk den Titel gibt.

Die Idole sind sämtlich Totemfiguren mit Vogelköpfen – mit Ausnahme eines anthropozoomorphen „Kolosses“ in einem einzigen Gemälde. Die Szenerie der „Idole“ besteht, in unterschiedlichen Varianten, aus einem dichten organischen Geflecht pflanzlicher Elemente, das zugleich auf einen „viszeralen Organizismus“ verweist. Das Vogel-Totem erfüllt eine doppelte Funktion: eine „räumliche“, indem es die Komposition besetzt und gliedert, und eine „symbolische“. Als Symbol verdichtet das Vogel-Idol nach Aussage der Künstlerin ihren „Sinn für die Natur“, den die vielfältigen Analogien innerhalb des Tierreichs in ihr hervorrufen.

Die Kartuschen sind, wörtlich genommen, anthropomorphe Figuren aus Papierbögen. Die Szenerie der „Cartigli“ ist nicht mehr organisch, sondern architektonisch: Es sind Innenräume, Zimmer, in denen Menschen aus „Papier“ agieren. Eine bemerkenswerte Idee, durch die Stocchettos „kostbare Ausführung“ ihre Malerei mit der großen fantastischen Literatur verbindet.

Zweifellos bilden diese beiden Ausdrucksformen den bislang bedeutendsten Höhepunkt ihres künstlerischen Weges.

Carlo Maschietto

GRIGio2 (Venedig 2015)

Natura morta 11

Was lebt in einem Stillleben?

Diese Frage scheint mir aus der Malerei Silvia Stocchettos hervorzugehen. Es ist gewiss eine philosophische Frage – und tatsächlich fehlt auch der Philosoph nicht. Verschmitzt, gütig und rätselhaft schenkt er uns das einzige Lächeln seines Lebens; er lädt uns ein, das Geheimnis zu hüten, und überantwortet uns der Stille.

Stocchettos Stillleben sind nicht nur ins Grau, sondern auch in die Stille getaucht. Doch es ist ein metallisches Grau, in dem der ferne Widerhall vibrierender Körper und moderner Klänge spürbar wird. Vor allem aber ist es eine Stille, in der wir – als legten wir auf uralten Jagdpfaden das Ohr an den Boden – das dumpfe Beben der Erde vernehmen, das uns aus alten, uralten und zugleich zukünftigen Zeiten erreicht. Blumenkohl, Hühner und Geräte, die hier so dargestellt werden, wie man einst das menschliche Antlitz porträtierte, sind die Gegenstände einer hochmodernen Malerei. Moderner als jede Moderne betrachtet Stocchetto sie, darin dem Dichter Pasolini verwandt, „vom äußersten Rand eines versunkenen Zeitalters“ aus; die Gesten, mit denen sie sie malt, gehören zu den ersten Akten einer „Nachgeschichte“.

Die Geschichte, die dieser minutiösen und präzisen, dabei weder demonstrativen noch den Triumph der Waren feiernden, sondern liebevoll melancholischen Malerei vorausliegt, ist die Geschichte der Moderne, die den Menschen endgültig von der Natur entfremdet hat, aus der er hervorgegangen ist. In Silvias Stillleben findet sich keine Spur von Naturalismus mehr. Die Natur liegt unwiderruflich hinter uns; wir haben uns ein für alle Mal von ihr verabschiedet – als Angehörige einer Spezies, die sich seit Jahrtausenden beinahe täglich neu erfindet und neu entwirft. Wir gehören ganz dem rasenden, prometheischen und teuflischen Gang der Geschichte an. Doch in dem Augenblick, in dem Silvia Stocchetto uns im grauen Spiegel unserer Gegenstände malt, ist auch die Geschichte zu Ende. Die Messer liegen in den Schubladen, der gehäutete Körper des Huhns ruht im ausgeschalteten Ofen, der Blumenkohl ist ungewürzt, die Geräte sind unbenutzt.

Dasselbe gilt für die menschliche Gestalt: Indem Silvia sie malt, zieht sie sie in die tote Zone ihrer Stillleben hinein. Irene, Luisa, Gianluca, mein Vater, meine Mutter – in dem Augenblick, in dem sie Stocchettos Bildraum betreten, sind sie bereits erstarrt, von der flüssigen, lebendigen Phase der Materie in die feste Phase, in einen vorzeitigen rigor mortis, übergegangen. Alles in diesem Bilduniversum ist einen Augenblick nach dem Ende der Welt gemalt. Und doch gibt es keine Verzweiflung, keine Abwehr, beinahe kein Bedauern. Denn alles in Silvia Stocchettos Bilduniversum ist einen Augenblick nach dem Ende der Welt gemalt – oder, wenn Sie so wollen, im ersten Augenblick der Schöpfung. Sie haben die Wahl; die Wahl ist frei. Anders als im wirklichen Leben ist die Entscheidung zwischen Leben und Tod in der Kunst frei, vorläufig und unentscheidbar. Diese entscheidende Wahl ist sogar umkehrbar. Sie können vom Reich der Lebenden in das der Toten hinübergehen und zurückkehren, um davon zu erzählen. Ist das nicht ein außergewöhnliches Geschenk?

Die passierbare Grenze. Die Schwelle. Die flache Furt. An diesen Ort versetzen uns Silvias Gemälde, und darin liegt das Geschenk ihrer Malerei. Es handelt sich nicht einfach um Stillleben als bildliche Darstellung unbelebter Gegenstände. Alles in dieser Malerei wird entseelt – selbst die Lebenden, selbst die nächsten Angehörigen. Doch zugleich wird alles wiederbelebt. Jedem Wesen, ob lebend, verstorben oder nie gelebt, sogar den noch Kommenden, noch Ungeschaffenen, wird in diesem Theater der Grautöne ein zweiter Akt, ein zweites Leben gewährt. Jedes Ding, jeder Mensch wird durch Silvias Meisterschaft an den Rand seiner Geschichte, an die Grenze des Seins gezogen. Silvia malt gleichsam stets aus dem Haus der Zöllner, von der Anhöhe über der Steilküste, von jenem Ort aus, an dem sich der Übergang der Gehenden und der Bleibenden beobachten lässt. Ihre Bilder sprechen hier und jetzt mit der Autorität dessen, was dort und damals gewesen ist. Jeder Gegenstand, jeder Mensch hat zugleich Anteil an der Welt der Lebenden und der Toten, an der sichtbaren und der unsichtbaren Sphäre. Jeder Hintergrund ist grau, doch alles ist erleuchtet.

Um das wahre Wesen dieser hochmodernen Stillleben zu verstehen, müssen wir daher, wie eingangs angedeutet, in die Antike zurückkehren: zu den asarotos – dem „ungekehrten Haus“ – der hellenistischen Zeit, zu jenen kleinen Mosaiken auf den Fußböden, die Speisereste darstellten: Orangenschalen, Weintrauben, Zitronenschalen. Diese frühen Versuche in der Geschichte jener Gattung, die wir „Stillleben“ nennen, gehörten zu einem Totenkult. Die vom Tisch gefallenen und als Mosaik auf dem Boden dargestellten Speisen waren für die verstorbenen Angehörigen bestimmt. Nach dem Mahl durfte der Raum nicht aufgeräumt, nichts mit dem Besen fortgekehrt werden, damit die Toten weiterhin in den Häusern wohnen konnten, die ihnen zu Lebzeiten gehört hatten, und damit der Durchgang zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem offen und in beide Richtungen begehbar blieb.

Silvia Stocchettos lebendige Stillleben erfüllen denselben Zweck – auch für uns, hier und jetzt, am Ende dieser sehr langen Geschichte: Sie halten den Durchgang offen.

Antonio Scurati

Jene surrealen Visionen mit metaphysischem Anklang (Il Gazzettino 30.12.2015)

Natura morta, 2015

Denn es handelt sich um erfundene, in der Fantasie entworfene Visionen, die wenig mit Körperlichkeit – also mit der Wirklichkeit der Gegenstände – zu tun haben. Diese werden in unwahrscheinlichen und irrealen Konstellationen zusammengefügt, sodass wiederum eine metaphysische Surrealität des Bildes entsteht.

Vielleicht war es die Verbindung von naturwissenschaftlichem und künstlerischem Studium, die Silvia Stocchetto (Venedig, 1969) zu einer komplexen Bildvorstellung führte, in der sich metaphysische und surreale Elemente mischen. Das zeigen die Gemälde dieser interessanten Ausstellung, die vom Stadtbezirk Lido Pellestrina in der lebendigen, dem legendären Hugo Pratt gewidmeten Bibliothek veranstaltet wird. Bereits in den zwischen 2007 und 2011 entstandenen Porträts ist zu erkennen, dass die Figuren – über den Realismus der Darstellung hinaus – in eine befremdliche Starre und damit in eine Atmosphäre mit metaphysischem Anklang versunken sind.

Diese visionäre Dimension verstärkt sich bewusst, als Silvia Stocchetto in den folgenden Jahren Bilder zu malen beginnt, die sich nur annähernd als Stillleben bezeichnen lassen.

Denn es handelt sich um erfundene, in der Fantasie entworfene Visionen, die wenig mit Körperlichkeit – also mit der Wirklichkeit der Gegenstände – zu tun haben. Diese werden in unwahrscheinlichen und irrealen Konstellationen zusammengefügt, sodass wiederum eine metaphysische Surrealität des Bildes entsteht: etwa ein Huhn in einem Mikrowellenherd, ordentlich an einem Abtropfgestell hängende Küchengeräte oder ein realistisch gemalter roter Radicchio im Kühlschrank. Über diese der Wirklichkeit entlehnten Bildelemente hinaus ist vor allem hervorzuheben, dass der malerische Vorgang mit großer Könnerschaft und Präzision ausgeführt wird, häufig in einer kühlen, fahlen Farbigkeit. Es ist eine Ausdruckssprache, an die Silvia Stocchetto glaubt und der sie die sichtbare Gestalt ihrer fantastischen Imagination anvertraut. So entstehen Werke von schwebender und beunruhigender Atmosphäre, die den Betrachter jedoch nicht auf Abstand hält, sondern emotional einbezieht. Darin bestätigt sich eine Absicht, die trotz ihrer formalen Kühle den Charakter eines wahrhaft poetischen Ereignisses annimmt.

Enzo Di Martino

GRIGio (Triest 2015)

Tagliere, 2014

Der besondere Realismus in Silvia Stocchettos Gemälden lässt sich zweifellos jener weitgespannten und facettenreichen internationalen Strömung zuordnen, die als „Magischer Realismus“ bezeichnet wird. So minutiös und präzise er auch ist, fehlen ihm sowohl die demonstrative Virtuosität als auch der stumpfe Objektivismus des Hyperrealismus.

Die Möglichkeiten, das Stillleben immer neu zu gestalten, scheinen unbegrenzt. Seit bestimmten kleinen Wanddekorationen in römischen Villen der Kaiserzeit – vielleicht den ersten Beispielen dieser Art in der Geschichte der Malerei – wird das „Genre“ immer wieder neu belebt und erweist sich als unerschöpflich.

Der besondere Realismus in Silvia Stocchettos Gemälden lässt sich zweifellos jener weitgespannten und facettenreichen internationalen Strömung zuordnen, die als „Magischer Realismus“ bezeichnet wird. So minutiös und präzise er auch ist, fehlen ihm sowohl die demonstrative Virtuosität als auch der stumpfe Objektivismus des Hyperrealismus.

Die Anordnung, die Montage und vor allem die metallische, bleierne Farbigkeit, in die ihre Gegenstände getaucht sind, vermitteln ein eigentümliches Gefühl von Spielerischem und zugleich Strenge, von Zuneigung und Kälte, von Absurdität und Natürlichkeit. Diese in sich sehr geschlossene Serie von Stillleben inszeniert somit etwas Widersprüchliches: eine hermetische und doch fesselnde Theatralik, eine ironische, stille häusliche „Dramaturgie“.

Carlo Maschietto