Was lebt in einem Stillleben?
Diese Frage scheint mir aus der Malerei Silvia Stocchettos hervorzugehen. Es ist gewiss eine philosophische Frage – und tatsächlich fehlt auch der Philosoph nicht. Verschmitzt, gütig und rätselhaft schenkt er uns das einzige Lächeln seines Lebens; er lädt uns ein, das Geheimnis zu hüten, und überantwortet uns der Stille.
Stocchettos Stillleben sind nicht nur ins Grau, sondern auch in die Stille getaucht. Doch es ist ein metallisches Grau, in dem der ferne Widerhall vibrierender Körper und moderner Klänge spürbar wird. Vor allem aber ist es eine Stille, in der wir – als legten wir auf uralten Jagdpfaden das Ohr an den Boden – das dumpfe Beben der Erde vernehmen, das uns aus alten, uralten und zugleich zukünftigen Zeiten erreicht. Blumenkohl, Hühner und Geräte, die hier so dargestellt werden, wie man einst das menschliche Antlitz porträtierte, sind die Gegenstände einer hochmodernen Malerei. Moderner als jede Moderne betrachtet Stocchetto sie, darin dem Dichter Pasolini verwandt, „vom äußersten Rand eines versunkenen Zeitalters“ aus; die Gesten, mit denen sie sie malt, gehören zu den ersten Akten einer „Nachgeschichte“.
Die Geschichte, die dieser minutiösen und präzisen, dabei weder demonstrativen noch den Triumph der Waren feiernden, sondern liebevoll melancholischen Malerei vorausliegt, ist die Geschichte der Moderne, die den Menschen endgültig von der Natur entfremdet hat, aus der er hervorgegangen ist. In Silvias Stillleben findet sich keine Spur von Naturalismus mehr. Die Natur liegt unwiderruflich hinter uns; wir haben uns ein für alle Mal von ihr verabschiedet – als Angehörige einer Spezies, die sich seit Jahrtausenden beinahe täglich neu erfindet und neu entwirft. Wir gehören ganz dem rasenden, prometheischen und teuflischen Gang der Geschichte an. Doch in dem Augenblick, in dem Silvia Stocchetto uns im grauen Spiegel unserer Gegenstände malt, ist auch die Geschichte zu Ende. Die Messer liegen in den Schubladen, der gehäutete Körper des Huhns ruht im ausgeschalteten Ofen, der Blumenkohl ist ungewürzt, die Geräte sind unbenutzt.
Dasselbe gilt für die menschliche Gestalt: Indem Silvia sie malt, zieht sie sie in die tote Zone ihrer Stillleben hinein. Irene, Luisa, Gianluca, mein Vater, meine Mutter – in dem Augenblick, in dem sie Stocchettos Bildraum betreten, sind sie bereits erstarrt, von der flüssigen, lebendigen Phase der Materie in die feste Phase, in einen vorzeitigen rigor mortis, übergegangen. Alles in diesem Bilduniversum ist einen Augenblick nach dem Ende der Welt gemalt. Und doch gibt es keine Verzweiflung, keine Abwehr, beinahe kein Bedauern. Denn alles in Silvia Stocchettos Bilduniversum ist einen Augenblick nach dem Ende der Welt gemalt – oder, wenn Sie so wollen, im ersten Augenblick der Schöpfung. Sie haben die Wahl; die Wahl ist frei. Anders als im wirklichen Leben ist die Entscheidung zwischen Leben und Tod in der Kunst frei, vorläufig und unentscheidbar. Diese entscheidende Wahl ist sogar umkehrbar. Sie können vom Reich der Lebenden in das der Toten hinübergehen und zurückkehren, um davon zu erzählen. Ist das nicht ein außergewöhnliches Geschenk?
Die passierbare Grenze. Die Schwelle. Die flache Furt. An diesen Ort versetzen uns Silvias Gemälde, und darin liegt das Geschenk ihrer Malerei. Es handelt sich nicht einfach um Stillleben als bildliche Darstellung unbelebter Gegenstände. Alles in dieser Malerei wird entseelt – selbst die Lebenden, selbst die nächsten Angehörigen. Doch zugleich wird alles wiederbelebt. Jedem Wesen, ob lebend, verstorben oder nie gelebt, sogar den noch Kommenden, noch Ungeschaffenen, wird in diesem Theater der Grautöne ein zweiter Akt, ein zweites Leben gewährt. Jedes Ding, jeder Mensch wird durch Silvias Meisterschaft an den Rand seiner Geschichte, an die Grenze des Seins gezogen. Silvia malt gleichsam stets aus dem Haus der Zöllner, von der Anhöhe über der Steilküste, von jenem Ort aus, an dem sich der Übergang der Gehenden und der Bleibenden beobachten lässt. Ihre Bilder sprechen hier und jetzt mit der Autorität dessen, was dort und damals gewesen ist. Jeder Gegenstand, jeder Mensch hat zugleich Anteil an der Welt der Lebenden und der Toten, an der sichtbaren und der unsichtbaren Sphäre. Jeder Hintergrund ist grau, doch alles ist erleuchtet.
Um das wahre Wesen dieser hochmodernen Stillleben zu verstehen, müssen wir daher, wie eingangs angedeutet, in die Antike zurückkehren: zu den asarotos – dem „ungekehrten Haus“ – der hellenistischen Zeit, zu jenen kleinen Mosaiken auf den Fußböden, die Speisereste darstellten: Orangenschalen, Weintrauben, Zitronenschalen. Diese frühen Versuche in der Geschichte jener Gattung, die wir „Stillleben“ nennen, gehörten zu einem Totenkult. Die vom Tisch gefallenen und als Mosaik auf dem Boden dargestellten Speisen waren für die verstorbenen Angehörigen bestimmt. Nach dem Mahl durfte der Raum nicht aufgeräumt, nichts mit dem Besen fortgekehrt werden, damit die Toten weiterhin in den Häusern wohnen konnten, die ihnen zu Lebzeiten gehört hatten, und damit der Durchgang zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem offen und in beide Richtungen begehbar blieb.
Silvia Stocchettos lebendige Stillleben erfüllen denselben Zweck – auch für uns, hier und jetzt, am Ende dieser sehr langen Geschichte: Sie halten den Durchgang offen.